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Empfehlungen, Interviews

Interview mit Silke Meyer

Seit September 2010 ist Mag. Dr. Silke Meyer Universitäts-Assistentin am Institut für Geschichtswissenschaften & Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck.

Nach ihrem ersten Jahr in Innsbruck habe ich sie zu einem Interview über ihre Interessen im Fach und ihre Vorhaben für ihre Zeit in Innsbruck getroffen und dabei noch einiges mehr erfahren…

Viel Spass beim Lesen!

Über die ‘Entdeckung’ der Volkskunde

Frau Meyer, vielerorts kann man zwar Ihren bisherigen Lebenslauf nachlesen, aber bitte stellen Sie sich doch noch bitte noch einmal kurz vor.

Ich bin jetzt seit September 2010 in Innsbruck als Assistentin angestellt. Vorher war ich in Münster, dort habe ich auch studiert und promoviert. Nachdem ich in Münster promoviert hatte, war ich allerdings noch mal zwei Jahre in England. Ich war dort beim DAAD, das ist der Deutsche Akademische Austauschdienst, also was hier OeAAD heißt. Die haben mich als Lektorin nach Nottingham geschickt, in die dortige Germanistik, das war eine sehr gute Erfahrung, die mir auch jetzt in diesem ganzen Bologna-Reform-Prozess eine ganz andere Perspektive verschafft. Ich sehe viele Dinge, die ich für sinnvoll halte, aber die schlecht umgesetzt werden oder anders rum also gut umgesetzt, aber schlecht ausgewählt. Ich habe dort einen ganz anderen Blick auf Universitäten und Studieren bekommen.

Angefangen zu studieren habe ich in Tübingen, bin auch so zur Volkskunde gekommen. In Tübingen heißt es ja Empirische Kulturwissenschaft. Das war auch ein bisschen dilettantisch (lacht): Ich war für Kunstgeschichte, Romanistik und Englisch eingeschrieben und bin eines Morgens auf der Suche nach meiner Kunstgeschichte-Vorlesung in einem Hörsaal gelandet, wo ich dann mal geblieben bin und nach ungefähr einer dreiviertel Stunde dachte ich: „wenig Bilder für Kunstgeschichte, aber der Typ ist klasse!“. Und der Typ entpuppte sich hinterher als ein gewisser Hermann Bausinger, der seine letzte Vorlesung gehalten hat, die ich hören konnte. Und so bin ich dann direkt dort geblieben, ich war völlig begeistert von ihm und auch von dem Fach. Ich hab dann die Romanistik dafür aufgegeben und so bin ich eigentlich zur Volkskunde gekommen.

In Münster bin ich dann dabei geblieben und habe mit Anglistik im Hauptfach und Kunstgeschichte und Volkskunde im Nebenfach erst Magister gemacht und dann in Volkskunde/Europäische Ethnologie promoviert.

und die ewige Schwierigkeit, das Fach zu erklären

Wenn Sie jetzt in einer fiktiven Situation an einem Markstand stehen würden und sich mit einer Verkäuferin dort oder einer Bäuerin kurz unterhalten und die fragt Sie: „Was machen Sie eigentlich?“, was würden Sie da sagen? Sie haben nur wenig Zeit…

Da würde ich sagen, ich, also ich arbeite auch am Markt. (Lacht) Also das Problem unser Fach zu erklären oder auf eine Formel zu bringen bleibt schwierig, auch wenn es sich immer wieder stellt. Die Wissenschaft vom Alltag sagt erstmal noch nicht viel aus. Ich versuch das immer mit Beispielen zu erklären, also: „Ich versuche herauszufinden, warum die Menschen lieber auf dem Markt einkaufen gehen als im Supermarkt, welche Assoziationen sie dabei haben, warum die Äpfel besser schmecken, die ich frisch bei Ihnen am Marktstand gekauft hab und wir noch ein kleines Schwätzchen dazu gehalten haben als jetzt die, die ich abgepackt im Supermarkt für einen Euro bekomme.“ Und darüber, über Beispiele ergibt sich dann meistens auch die Nachfrage und dann kann man auch mal ein bisschen mehr sagen, aber Die Wissenschaft vom Alltag bringt meistens auch nicht mehr Erleuchtung in die Gesichter des Gegenübers. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel immer die Jeans. Irgendeiner hat immer eine Jeans an. Und dann kann man fragen: Was bedeutet das eigentlich, dass Sie jetzt ne Jeans anhaben. Ist das Symbol oder Alltagsgegenstand oder beides zugleich? Hätte man vor 40 Jahren auch schon eine Jeans in dieser Situation getragen und was will man damit aussagen, dass man sich morgens eine Jeans anzieht?“

Und was soll das bringen?

Das Beispiel mit der Jeans jetzt?

Nein, ich bin jetzt die Bauersfrau…

Ah, „Was soll das bringen?“. Gar nichts. (lacht) Ganz ehrlich, wirklich gar nichts. Es muss auch nicht alles wirtschaftlich rentabel sein, wissenschaftliche Neugierde ist ein Privileg. Es ist interessant, mehr über sich als Menschen heraus zu finden, Erkenntnisse über das Zusammenleben zu gewinnen. Wir haben als Fach nicht das Ziel die Menschen besser zu machen, oder Dinge besser zu verkaufen, wir sind keine Interventionswissenschaft, wie es neulich im Vortrag über den Vergleich von Volkskunde und Psychoanalyse noch hieß, und keine Marktforschungsagentur. Wir finden einfach was über unser Verhalten heraus, über die Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Sorgen der Menschen, und im besten Fall kann man sich daran auch für zukünftiges Handeln orientieren und eine Verbindung von Geschichte und Gegenwart herstellen. Es ist eine Erklärung von Verhaltens- und Deutungsmustern, es ist nicht mehr. Es bringt wirklich nicht besonders viel.

zur Ökonomischen Anthropologie

Zu Ihren Themen: Wir als StudentInnen haben bis jetzt ja etwas zu Stereotypen und viel rund um Bildwissenschaft und Fotografie mitbekommen und Sie haben auch öfters erzählt, dass Sie zu Nation und nationaler Identität gearbeitet haben. Allerdings die Ökonomische Anthropologie, die ist mir persönlich als Studentin total fremd und das ist aber auch etwas, womit Sie sich sehr beschäftigt haben. Würden Sie da noch was dazu erzählen…

Gerne! Die Ökonomische Anthropologie wird im nächsten Semester in die Lehre kommen, und zwar mit einer Vorlesung zu ‚Geld als soziale und kulturelle Praxis’. Mir geht es bei dieser Vorlesung darum, dass Geld in den Wissenschaften seit Georg Simmel als etwas sehr Unpersönliches gesehen wird. Auch im alltäglichen Denken der Menschen ist Geld eine neutrale Werteinheit, ein Wertspeicher, es ist austauschbar. An Geld schließt sich oft auch eine evolutionär-romantische Erzählung an, die den Bogen schlägt von einer heilen Welt, in der die Menschen Waren getauscht haben und in Zufriedenheit und Gemeinschaft gelebt haben, und dann kommt das böse Geld hinzu und das Geld verflacht diese persönliche Beziehungen. Also wenn Sie nicht mehr Äpfel gegen Nudeln tauschen sondern jetzt Äpfel gegen zwei Euro tauschen und von den zwei Euros Nudeln kaufen, dann ist das Ganze unpersönlicher, Sie sind mit dem Nudelproduzenten nicht mehr in Verbindung. Das ist sozusagen die gängige Meinung. Das hat Georg Simmel 1900 in der ‚Philosophie des Geldes’ ausgearbeitet und hat damit sicherlich für seine Zeit eine Kritik formuliert, die so fundiert wie visionär war. Ich glaube aber, dass Geld, wenn man genau hinschaut, eben sehr wohl eine soziale Bedeutung hat. Und das kann man an vielen Beispielen festmachen, denken Sie an Geldgeschenke. Wenn Sie jemanden etwas schenken wollen, dann gibt es bestimmte Regeln. Es gibt Menschen, denen können Sie zehn Euro schenken und es gibt Menschen, denen können Sie absolut nicht 10 Euro schenken. Woher kommt das? Wer formuliert diese Regeln?

Aber auch oft bei Hochzeiten, oder? Da muss ein Geldgeschenk gemacht werden, aber es ist oft schwierig den Betrag zu benennen.

Ja, und aber auch die Form, wie das Geldgeschenk überreicht werden soll. Manchmal geht so viel Geld und Energie in die Verpackung, dass man gleich ein Sachgeschenk daraus machen könnte. Da wird gebastelt und gemalt: Man nehme an, man will was für die Hochzeitsreise schenken, dann wird ein Tableau gemacht, mit Samt und einem Segelschiff drauf und ich weiß nicht was alles. Man versucht also, einen Rahmen zu schaffen, um das geschenkte Geld persönlich zu machen, sich einzuschreiben in das vermeintlich lieblose Geschenk. Anderes Beispiele: Geld in Beziehungen, Geld in Wohngemeinschaften. Wie geht man mit Geld um, wie strukturiert Geld soziale Beziehungen? Mein Habilitationsprojekt ist Kreditkultur, geliehenes Geld, und dabei geht es immer wieder zurück auf eine Grundannahme der Ökonomischen Anthropologie, nämlich die des Tausches: Tausch organisiert Gesellschaft. Gabe erfordert Gegengabe, und diese formt soziale Beziehungen. Wenn die Gegengabe ausbleibt oder sich verzögert, können das Ergebnis Machtstrukturen oder Abhängigkeiten sein.

Ein Beispiel mit Kredit: Wir gehen nachher in die Mensa essen, ich hab kein Geld dabei. Ich sage: „Frau Bröckl, ich habe mein Geld vergessen, können Sie mir zehn Euro leihen?“ Ja, denken Sie wohl, denn ich bin in Ihren Augen kreditwürdig, Sie wissen, wo Sie mich finden, und dass ich sicher nicht den Ruf haben will, auf Kosten einer Studentin zu Mittag zu essen. Daher sagen Sie: „Gar kein Problem, ich leihe Ihnen die zehn Euro.“ Jetzt haben Sie sozusagen etwas gut beim mir und zwar mehr als diese zehn Euro. Selbst wenn ich Ihnen am nächsten Tag diese zehn Euro zurückgebe, hat sich unsere Beziehung verändert, sie ist vertrauensvoll geworden und gleichzeitig werde ich mich davor hüten, die Rückzahlung zu verzögern. Vielleicht mache ich Ihnen noch ein kleines Geschenk, als Dankeschön, sozusagen Zinsen. Damit stehen Sie wieder in meiner Schuld. Und wenn Sie jetzt mal zehn Euro brauchen,, dann gehen Sie zuerst zu mir und nicht zu Herrn Heimerdinger, weil Sie sagen: „Ich hab Ihnen doch damals auch ausgeholfen, können Sie mir mal zehn Euro leihen?“ Gabe erfordert Gegengabe, und diese Gegengabe erfordert wiederum eine Gegengabe und so organisiert sich Gesellschaft, so organisieren sich Hierarchien und Abhängigkeiten, Loyalitäten. Das ist sozusagen die Grundannahme der Ökonomischen Anthropologie. Ich denke, man kann diese Prämisse, die in der Ethnologie in erster Linie für face-to-face-Gesellschaften angenommen wird, auch in unserer spätmodernen Industriegesellschaft finden.

Und gerade wenn wir auf das Private, wirklich auf das Alltägliche schauen, was uns Geld bedeutet, dann finden sich ganz viele Beispiele für seine soziale Bedeutung. Zum Beispiel Trinkgeld. Ich denke, dass jeder, der mal im Service gearbeitet hat, weiß, dass Trinkgeld mit Bedeutung aufgeladen ist. Die Höhe des Betrages, die Art, wie man Trinkgeld überreicht oder vielleicht auch, was man sich hinterher mit dem Trinkgeld kauft. Man hat seinen Stundenlohn und das Trinkgeld und vom Stundenlohn zahl ich die Stromrechnung und vom Trinkgeld kauf ich mir ein T-Shirt, das ein bisschen zu teuer ist. Natürlich gilt: Geld ist Geld, und die Summe bleibt dieselbe, ob Stundenlohn oder Trinkgeld. Aber 100 Euro erarbeitet, geschenkt bekommen, im Lotto gewonnen, auf der Straße gefunden, geliehen oder gestohlen haben eine unterschiedliche Bedeutung für diejenigen, die sie ausgeben. Das sauer verdiente Geld wird eher gespart als der Lottogewinn. Und diese soziale Bedeutung des Geldes will ich erforschen. Das ist Alltagskultur und damit die Mitte unseres Faches. Allerdings sind diese ökonomischen Zusammenhänge in der Volkskunde nie sehr prominent gewesen. Ökonomische Anthropologie verortet man immer eher in der Ethnologie, aber das gilt natürlich für uns genauso.

Also ich muss auch zugeben ich habe das, im Zusammenhang mit der Volkskunde, auch das erste Mal im Zusammenhang mit der Ausschreibung Ihrer Stelle gelesen.

Natürlich gibt es auch Arbeiten in der Volkskunde dazu. Etwa wenn man über Berufe arbeitet, die Dissertation von Nikola Langreiter über Wirtinnen gehört auch in diesen Bereich. Ich würde das Thema der Ökonomischen Anthropologie auch ganz gerne mit den Studierenden weiter verfolgen. Man könnte sehr schön ein Lehrforschungsprojekt dazu durchführen. Meine Idee wäre erst mal gemeinsam Schlüsseltexte zum Thema zu lesen, sich theoretisch auf einen Stand zu bringen und dann verschiedene Feldforschungsprojekte zu machen. Also z.B. Geld in der Erziehung, Geld in Wohngemeinschaften, Geld in Beziehungen, Trinkgeld, Geldgeschenke, Geschichten vom Geld, das erste selbstverdiente Geld. Präsentieren könnte man die Ergebnisse dann auf einer Tagung oder auch in einer Publikation, so was könnt ich mir zu diesem Thema wirklich sehr gut vorstellen. Aber da bin ich natürlich auf Ihre Mitarbeit angewiesen und würde mich freuen, wenn sich viele Interessierte finden. Ein tolles Thema auch für Diplomarbeiten. Ich mache jetzt schamlos Werbung in eigener Sache.

Es ist, wie viele der volkskundlichen Themen, ein ganz persönliches Thema, wie etwa zu Erinnerung oder Fotografie…

Ja, es ist wirklich ein persönliches Thema, denken Sie daran, dass jeder von uns täglich circa 10 Mal die Geldbörse in die Hand nimmt. Allein schon diese sich anzuschauen, was dort aufbewahrt wird, welche Ordnung da herrscht, so ein Mini-Archiv einer Person, alleine darüber könnte man schon einen Aufsatz schreiben.

und ‘nahen’ Themen

Also prinzipiell scheinen Sie zu Themen zu neigen, die sehr nah am Menschen, sehr alltagsrelevant sind. Sie haben jetzt nicht ihre Schwerpunkte auf zum Beispiel Sterbebilder oder Grenzkonflikte gelegt, was jetzt nicht etwas ist, was ständig in einem Menschenleben präsent ist, sondern Themen nahe am persönlichen Erfahrungsraum.

Ja, das stimmt, dabei habe ich als Studentin auch die größten Erkenntnisse gehabt und wirklich etwas verstanden. Natürlich habe ich auch andere Themen studiert, ich kann auch eine Bockwindmühle, naja, zeichnen nicht, ehrlich gesagt, (lacht) aber ich kann sie erkennen. Aber das waren nie die Themen, die mich so interessiert haben. Ich fand es immer spannender, wenn man den eigenen Alltag und das Unbewusste oder halb Bewusste dabei untersucht hat. Wir gehen durch die Welt und benutzen, um bei dem Beispiel zu bleiben, ständig Geld, machen uns aber wenig Gedanken darüber, was wir da eigentlich tun. Warum vertrauen wir diesem Papier so? Worin liegt sein Wert? Essen kann man es schließlich nicht.

Das zeichnet unsere Wissenschaft schließlich aus, die Dekonstruktion des eigenen Alltags. Das macht eben kein Historiker und das machen auch nur wenige Soziologen oder Philologen. Nichts gegen die Bockwindmühlen-Forschung, auch die hat ihren Platz, aber vielleicht muss sie nicht jeder machen. Sie haben schon recht, das sind alles Fragen, die nah am Menschen sind, und mich interessiert auch die Grenze zwischen Menschen nach innen bei der Wahrnehmung und Menschen nach außen in der Kommunikation. Würde ich noch einmal studieren, würde ich Kognitionspsychologie studieren. Wie ein Gehirn funktioniert, wo und wie Deutung stattfindet, zum Beispiel beim Sehen, das würde ich gerne studieren. Und würde ich deren Texte verstehen, würde ich auch mehr Kognitionspsychologen lesen. (lacht) Aber da komme ich nie besonders weit, trotzdem interessiert mich diese Grenze zwischen Natürlichkeit und Kultürlichkeit sehr. Das leibliche Wissen und seine Entstehung und Weitergabe zum Beispiel. Ich meine, wenn Sie jetzt aufstehen und die Türe öffnen, dann wissen Sie ja genau, wie das geht, da denken Sie ja nicht drüber nach. Aber das haben Sie ja gelernt.

die ‘Natürlichkeit’ und ‘Kultürlichkeit’

Wenn ich jetzt in England wäre müsste ich es mir doch überlegen, wegen den Türknäufen…

Ganz genau. Das ist ein Wissen, das wir automatisiert haben und schon nicht mehr als sozialisiert und erlernt abgespeichert haben. Und wenn die Tür in eine andere Richtung aufgeht, als Sie es erwarten, oder eben der Türknauf anders ist, dann stehen Sie erstmal davor und sind ganz perplex.

Und eben nicht an die Körperlichkeit gebunden. Denn grundsätzlich haben ich und eine Engländerin eigentlich…

…. so ziemlich den gleichen Körper, genau. Aber auch Körpertechniken sind eben kulturell geprägt. Es gibt einen schönen Text von Marcel Mauss, der beschreibt, wie englische Soldaten im ersten Weltkrieg nicht den Spaten von französischen Soldaten benutzen konnten und deshalb die Spaten immer wieder gewechselt werden mussten, ein riesiger Aufwand, aber es ging nicht anders.

den ‘Luxus’ in Innsbruck

Das heißt, im nächsten Semester wird uns auf jeden Fall eine Lehrveranstaltung zu Ökonomischer Anthropologie erwarten. Vielleicht schaffe ich jetzt auf diese Weise wieder den Bogen zurück zur Frage zu bekommen: Warum Innsbruck?

Innsbruck hat mir eine tolle Stelle geboten, eine mit so genannten Qualifizierungsvereinbarungen. Wenn ich diese in sechs Jahren erfülle, dann wird die Stelle entfristet und in eine assoziierte Professur umgewandelt. Eine feste Stelle an der Uni mit Gelegenheit zu Forschung und Lehre, das ist das, was ich immer machen wollte.

Und Innsbruck hat weitere Vorteile gegenüber deutschen Universitäten, und es sind nicht die Berge. Die natürlich auch. Aber zum Beispiel die Teilnahmezahlen in den Lehrveranstaltungen. Wenn hier 40 Studierende in einem Seminar sitzen, dann ist es ja schon fast ein sehr volles Seminar. In Münster hatte ich 60-80 Leute in einem Seminar, in Mainz waren auch mal 100.

Okay, ich werde nie wieder jammern…

Die Bedingungen sind schon sehr gut hier. Bei uns in Deutschland werden Studierende in immer größeren Zahlen zugelassen, nur die Zahl der Lehrenden ändert sich nicht. Das Schlimmste, was ich einmal hatte, waren 120 Leute in einem Proseminar.

Was macht man da?

Man machte eine Vorlesung und versucht über kleinere Gruppen irgendwie Diskussionen zustande zu bringen. Alleine den Lärmpegel zu bewältigen war schon schwierig. Es lag aber auch am Thema ‚Kulturwissenschaftliches in Film und Fernsehen’. (lacht) Da war ich selbst schuld, kann man sagen. Damals habe ich die Gruppe geteilt, aber dann unterrichtet man doppelt so viel. Also die niederen Studierendenzahlen find ich in Innsbruck eine wirklich sehr gute Bedingung. Das kollegiale Umfeld ist dazu sehr gut. Und da dachte ich: „Ja dann geh ich mal nach Österreich“. Ich habe noch nie in Österreich gelebt und jetzt kommt nach England Österreich. Ich bin gespannt auf all das Neue hier, zum Beispiel die Türknäufe.

und Visionen für die Zukunft

Wie steht es mit Visionen für Innsbruck aus? Sie haben schon angekündigt, dass Sie die ökonomische Anthropologie gerne an uns ausprobieren möchten und auch etwas über Stereotype mit Geschichten über Touristen, also Sie möchten gerne Studienprojekte starten …

Ich würde das sehr gerne durchführen. Das hängt ein bisschen davon ab, wie die Vision zum BA-Studiengang in Innsbruck weitergeht. Das wird sich in der nächsten Zeit weisen. Inhaltlich würde ich gerne die Ökonomische Anthropologie hier festigen. Ein weiteres Anliegen sind mir die Internationalisierung und das Auslandsstudium. Ich würde gerne Erasmus-Verträge abschließen, die unseren Studierenden das Studium im Ausland ermöglichen und die auch internationale Studierende nach Innsbruck holen. Denn Innsbruck ist wirklich ein sehr attraktiver Ort für ausländische Studierende. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, natürlich gehört das hochqualifizierte Personal dazu und die tolle Studierendenschaft, aber vielleicht auch ein bisschen das Schifahren. Und das ist gut so, wenn wir dadurch einen Erasmus-Vertrag bekommen, können die Amerikaner und Schweden meinetwegen jeden Nachmittag die Pisten unsicher machen. Weitere Pläne sind ist das Lehrforschungsprojekt mit einer Abschlusstagung mit Studierenden und auswärtigen Gästen sowie mit einer Publikation, wie gesagt, und ein BA-Studiengang in Europäischer Ethnologie. Auch meine eigenen Forschungen voranzutreiben, vor allem die Habilitation zur Kreditkultur. Also ich bin gespannt, jetzt fangen wir mal an. Die Innsbrucker Studierendenschaft scheint mir aufgeweckt und interessiert, sie wollen hier ein attraktives Fach studieren und tun auch was dafür. Innsbruck hat viele Vorteile, nicht nur die niederen Studierendenzahlen. Deshalb bin ich hier.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Interview mit Silke Meyer

  1. danke für dieses interessante interview!

    Verfasst von everydaylifescience | 08/11/2010, 08:07
  2. compliments!!..oh ich vermisse innsbruck scho a pisserl!!

    Verfasst von sarah | 08/11/2010, 09:13
  3. wunderbar! danke silke, danke alex!

    Verfasst von Hemma | 10/11/2010, 09:57
  4. „Ah, „Was soll das bringen?“. Gar nichts. (lacht) Ganz ehrlich, wirklich gar nichts.“

    Danke an Interviewte und Interviewerin, schön zu lesen! 😉

    Verfasst von LuFi | 10/11/2010, 15:10
    • Ich sehe schon, die Antwort ist noch erklärungsbedürftig. Dahinter verbirgt sich der Unbill, als Volkskundlerin immer den Sinn und Zweck der Disziplin rechtfertigen zu müssen. Diesen Fragen müssen sich Historikerinnen, Klassische Philologinnen und Archäologinnen weit weniger stellen. Und ich sehe nicht ein, dass wir uns als Fach mehr erklären müssen als andere Geisteswissenschaften. Wir erklären das bewusste und halb bewusste Regelwerk des menschlichen Zusammenlebens. Wieviel das bringt, muss jeder selbst entscheiden.

      Eines habe ich aber vergessen auf die Frage, was bringt’s. Es bringt Spaß.

      Verfasst von Silke M. | 20/11/2010, 20:30
  5. Das Zitat das jetzt unseren Blog ziert wär auch ein heißer Kandidat für einen T-Shirtdruck ^^

    Verfasst von LuFi | 15/11/2010, 11:42

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