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Wie klingt Innsbruck? – Ein Wiederhören

Die erste Straßenbahn im Morgengrauen, der Frühverkehr um kurz vor acht, Sonntagsstille, das letzte Flugzeug am Samstagabend, Blätterrascheln und Kastanienplumpsen, Soundfetzen aus der Bogenmeile – Innsbruck besitzt unterschiedliche klangliche Qualitäten. Sie sind abhängig von Menschen, Tieren und Dingen, die sich im Raum bewegen, kommunizieren und verschoben werden. Abhängig vom Wetter (Stichwort Föhn, der alle Geräusche verzerrt) und den Tages- und Jahreszeiten. Abhängig von architektonischen und verkehrstechnischen Aspekten, von der Materialität der Stadt (Beton, Asphalt, Pflastersteine, Parkwege) und den alltäglichen und immer wieder neu geschaffenen Orten der Stille und des Lärms. Vor einigen Jahren begaben sich zwei Studentinnen auf die Suche nach der Symphonie Innsbrucks. Ein nochmaliges Hören.

  Der Grundton, der sich über alles legt…das Rauschen der Inntalautobahn

Innsbruck hat kein leichtes akustisches Los gezogen: umringt von Berghängen, die wie ein Trichter funktionieren, und neben einer der am stärksten befahrenen Transitroute Europas gelegen, wird sie in eine große rauschende Wolke gehüllt. Nicht gerade white noise, aber auch kein liebliches Gedüdel, von Gejodel ganz zu schweigen. Lauscht man der Stadt von oben – etwa von der Ausguckplattform auf der Hungerburg – wirkt dieses Rauschen wie ein Klangteppich über dem Tal. Nähert man sich der Stadt und ihren Straßen, Höfen, Parks und Plätzen werden die Klänge jedoch immer differenzierter. Spezifische Klänge der Stadt sind etwa das Schneesprengen auf der Seegrube im Winter, die Ansagen am Bahnhof und in den öffentlichen Verkehrsmitteln, der gedrängte Straßenverkehrslärm in der Innenstadt und das Sprachgemurmel in der Altstadt.

Was sehen die Ohren? Welchen Beitrag leisten Klänge in der Wahrnehmung von urbanen Räumen?

Klangkarte zur Dimension der Klänge (laut, leise, lang, kurz) in der Museumstraße mit verschiedenen Farben

Klangkarte zur Dimension der Klänge (laut, leise, lang, kurz) in der Museumstraße mit verschiedenen Farben

Diese Fragen beschäftigten mich und meine Kollegin Iris bei unserem Experiment zur Erkundung der KlangTextur von Innsbruck. Im Rahmen der LV „Kulturwissenschaftlich-volkskundliche Erkundungen im urbanen Raum“ unter der Leitung von Ingo Schneider übten wir uns bei der „Einübung des ethnografischen Blicks“. Das Ganz ist schon ziemlich lange her – Frühjahr 2011 – und um ehrlich zu sein, vieles würden wir heute bestimmt ganz anders angehen. Vielleicht hätten wir ähnliche Fragen, aber methodisch und theoretisch könnten wir nun auf eine noch größere, solidere Menge Literatur und Forschungsarbeit bauen. Kurz: das Thema ist für die Europäische Ethnologie nicht neu. Auch gibt es mittlerweile viele wissenschaftliche und künstlerische Projekte zu urbanen Soundscapes. Aber zumindest für uns war es damals sehr neu. Das Hören ist wesentlicher Bestandteil unseres Empfindens, Denkens und Handelns. Es ist unser erster, schnellster Sinn, sprich: wir sehen oft hinterher, was wir schon längst gehört haben. Klänge prägen unser gesamtes Alltagsleben. Das bedeutet wiederum, wenn wir die Ohren in der Analyse zu Hilfe nehmen, dann können wir wesentlich breitere, vielfältigere Eindrücke und Informationen generieren. Bewusst einer Stadt und ihrer Soundscape zuzuhören, eröffnet die Möglichkeit Einblick darüber erhalten, wie Menschen ihren Alltag gestalten, wie öffentlicher Raum belebt wird oder welche Regelmäßigkeiten und Veränderungen dort stattfinden.

Ohren auf!

Ausgangspunkt war die Frage, ob Innsbruck eine spezifische Klanglandschaft oder Grundmelodie besitzt? Und wenn ja, wie könnte diese dokumentiert und für andere ver“anschaulicht“ werden? Dabei ging es gar nicht so sehr um das Ergebnis, sondern um den Prozess des Forschens. Wir wollten selbst herausfinden, wie eine Forschung zum „ethnographischen Ohr“ in Innsbrucks Klangtextur funktionieren könnte.

Klangkarte mit Verwendung abstrakter Muster für Klänge (Museumstraße)

Klangkarte mit Verwendung abstrakter Muster für Klänge (Museumstraße)

Anfangs sammelten wir „erhörte“ Klangerinnerungen von Innsbruck, die wir spontan bei uns abrufen konnten: das Schneesprengen auf der Seegrube im Winter bei Neuschnee, das Gemurmel in den Altstadtgassen, dass sich zu jeder Jahreszeit ändert. Naturlaute wie das Sausen des Föhns und das leise Rauschen des Inns. Einzelne Verkehrslaute wie die der Straßenbahn, der Busse, des Zuges, der Fahrräder, der Autos, der Flugzeuge. Aber auch jene Signal- und Warnlaute, die alle VerkehrsteilnehmerInnen betreffen: Hupen, Tuten, Piepsen, Quietschen.

Hören. Hören. Hören.

Ausgerüstet mit Notizblock und Aufnahmegerät unternahmen wir dann an zwei Tagen unseren Hörwahrnehmungsspaziergang. Das kann man sich so vorstellen: wir gingen in gemächlichem Schritttempo und achteten auf die Geräusche/Klänge/Signale, die uns umgaben und die wir auch mit dem Mikro simultan aufnahmen. Wir beschränkten unsere Erkundung auf vorher vereinbarte Klangorte: Die Museumstraße, der Marktplatz, die Universität, der Westfriedhof, ein Supermarkt am Klinikgelände, das Kaufhaus Tyrol in der Maria-Theresien-Straße sowie das Café Central.

Dort mussten wir wahrscheinlich ziemlich komisch ausgesehen haben: zwei junge Frauen, die sich am Tisch schweigend gegenübersitzen, den Kopf hin und her drehen, ab und an die Augen aufreißen und verschwörerisch grinsend auf ein Gerät zwischen ihnen blicken. Und zwar immer dann, wenn ein besonders markantes Geräusch – etwa Kaffeelöffel kickt Untertasse – zu vernehmen war und das Kaffeehausgesumme übertönte. Wir sammelten Klänge bis uns die Ohren schmerzten. Das war eindeutig nicht so sinnvoll.

Klar war anschließend, dass wir unsere Erwartungshaltungen – wir erwarteten bestimmte Klänge an bestimmten Orten – in der Analyse mitbedenken mussten. Klar war auch, dass unser deutendes Hören nicht abgekoppelt von anderen Sinneswahrnehmungen und persönlichen (Miss-)Empfindungen funktionierte. Das Gehörte wurde gleich darauf als Erinnerungsprotokoll festgehalten (schwierig, Worte dafür zu finden) und mit den Aufnahmen verglichen (schwierig, sauber aufzunehmen – das Ohr hört oft anders, als das Gerät).

Wie macht man Klänge „anschaulich“?

Klänge bedürfen der Speicherung, weil sie nach dem Erklingen „verschwunden“ sind. Wir haben uns bemüht, Klänge möglichst vielfältig und ideenreich zu beschreiben sowie aufzuzeichnen. Die Präsentationsform könnte womöglich heute ganz anders aussehen. Aber damals – 2011, Ende des Semesters – mussten wir uns unsere Zeit und sonstige Ressourcen gut einteilen (ihr kennt das ja) und das Bestmögliche daraus machen. Eine Kombi aus Ton, Bild und Text erschien uns deshalb als geeignet. Verschiedene Klangkarten wurden zuerst erstellt. Die haben damals für uns sehr viel Sinn gemacht. Wenn ich sie mir jetzt anschaue, kapier ich nur noch die Hälfte und muss fast ein bisschen lachen. Ich glaub, es hat uns echt sehr viel Spaß gemacht.

Klangkarte mit Lautmalereien/“fokussieren“ (Coomic-Sprache, Onomatopoesie)

Klangkarte mit Lautmalereien/“fokussieren“ (Coomic-Sprache, Onomatopoesie)

Letztendlich versammelten wir mit Hilfe unseres technisch versierten Freundes Bert alle Klangbeispiele auf einer gemeinsamen Karte. Wenn ihr sie anklickt, tut sich ein neues Fensterchen auf und ihr könnt auch etwas zu Hören bekommen. Quasi eine akustische Zeitreise. Wie sich heute diese Karte wohl anhören würde? Auf jeden Fall: Es war ein sehr feines studentisches Projekt, das uns vor allem eins lehrte, nämlich wie überaus vielfältig und spannend die Themen, Fragen und Herangehensweisen der Europäische Ethnologie sein können. Klangorte Innsbruck auf prezi (Text: Hemma Übelhör mit Iris Visinteiner) Literatur und Links für Interessierte: Bonz, Jochen: Alltagsklänge – Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens. Wiesbaden 2015. Dérive – Radio für Stadtforschung: Urban Soundscapes http://cba.fro.at/48442 Elmqvist, Thomas: Designing the Urban Soundscape: http://www.thenatureofcities.com/2013/08/25/designing-the-urban-soundscape/ Payer, Peter: Akustische Fotografien. In: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung 27 (2007), 30-32. Schafer, R. Murray: Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens. Frankfurt a. M. 1988. Schulze, Holger (Hg.): Sound Studies. Traditionen – Methoden – Desiderate. Eine Einführung. Bielefeld 2008. Übelhör, Hemma/Walser, Bert: Der Klang der Stadt. Zwischen Lärm und Symphonie. In: Meighörner, Wolfgang/Menardi, Herlinde/Berger, Karl (Hg.): Ton um Ton im Tiroler Volkskunstmuseum. Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum Innsbruck, 25. Mai bis 7. Oktober 2012, Eigenverlag Tiroler Landesmuseen-Betriebsgesellschaft m.b.H., Innsbruck 2012, 115-121.

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Wie klingt Innsbruck? – Ein Wiederhören

  1. Vielen Dank Hemma und Iris, der Beitrag war für mich sehr spannend zu lesen-hören.

    Da tun sich für mich, einem der manchmal schlecht zuhören kann und einem der sich mit Soundscapes noch nicht intensiv beschäftigt hat, viele (vielleicht auch blöde und technik/physiologisch/psychologisch-lastige) Fragen auf:

    – Der Klang/Sound den man hört ist wohl immer super-subjektiv. Eh klar, Objektivität gibt´s nit. Jede/jeder wird Innsbruck anders hören, oder?
    – Oder gibt es einen „Grund-Sound“ der wiedererkennbar/wiederholbar/erinnerbar ist. Beispiel Feuerwehrsirenen in den Hochhäuserchluchten in NY. Wenn die Frankfurter Feuerwehr dieselben Tongeneratoren(Sirenen) wie die NYer hätten, wäre der Feuerwehr-Sound im Finanzviertel von Frankfurt derselbe?
    – Hört man den Sound nur im Moment so und nit anders, oder wie verändert er sich kurzfristig (Vor und nach einer Tasse Kaffee, bleibt das Rauschen der Schneekanone gleich oder ändert sich das?)
    – Wie ändert sich der Sound langfristig? Ihr habt die Frage selbst schon gestellt: Was kommt da heraus wenn Ihr Euer Experiment nach 5 Jahren 1:1 wiederholt? (Ganz 1:1 geht nit, aber was könnte herauskommen?)
    – Wie beeinflusst Ihr Euch gegenseitig. Hört man (sebst) zu zweit anders als alleine?
    – Hat der Sound eine historische Dimension? Wie würde mein Ur-Urgroßvater den Innsbrucker Sound heute hören? Er könnte die Schneekanonen nicht zuordnen, also würde er etwas anders hören? Was wäre dieses Andere?

    Grüße,
    Christian

    Oha, ich hörte grad eben und bewusst das Klappern meiner Tastatur. Ich hörte genau hin, Cooler Sound! (warum ist er cool?)

    Verfasst von technohabitus | 27/10/2015, 18:41
  2. Sehr interessanter Beitrag und eine tolle Herangehensweise auch mit der Soundkarte. Irgendwie auch erschreckend was man quasi nicht mehr „bewusst“ hört. Dabei laufen viele von uns an den meisten Orten jeden Tag vorbei. Spannend diese Orte auch einmal wirklich bewusst zu hören.
    Danke für diese etwas andere Perspektive auf die Stadt.

    Verfasst von UrbanRoach | 27/10/2015, 19:47

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