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Gedanken, Projekte

„Abwärts! Ding! Erdgeschoss! Türe öffnet!“

Oder: Wie klingt der GeiWi-Turm?

Autorin: Elisabeth Waldhart

Soundaufnahmen: Killian, Helena, Sandra, Lizzy

 

 

„Abwärts! Ding! Erdgeschoss! Türe öffnet!“ – Vier, irgendwie unzusammenhängende, Meldungen. Wenn man sie hört, wird vielen schlagartig klar, um was es sich hier handeln könnte. Ein Lift. Aber nicht irgendein Lift, sondern einer der Fahrstühle, die den GeiWi-Turm, das Oben und das Unten der Uni, miteinander verbinden.

Mit dieser Interpretation des Klanges, der sich auch schon eine Interpretation des Raumes anschließt, bin ich schon tief in der Deutung eines Phänomens: Das der Alltagsklänge.

Im Rahmen unserer Vorbereitungen für einen Workshop der Jungen Uni, bei dem mit Kindern entdeckt werden soll, wie ihre Umgebung klingt, begaben sich Sandra, Killian, Helena und ich auf „Earstorming“ (vgl. Oehme-Jüngling, K.: Auditive Feldforschung. In: Bischoff, C.; Oehme-Jüngling, K; Leimgruber, W.: Methoden der Kulturantropologie. Bern 2014. 358) durch die Gänge des GeiWi-Turmes. Dabei „sammelten“ wir, bewaffnet mit einem Aufnahmegerät, verschiedene Geräusche und ganze Soundscapes der Uni.

Dabei wurde schnell klar, dass Hören mehr ist, als einfach nur das erfahren von Schallwellen, die gegen unsere Trommelfelle stoßen. Im laufe unseres Lebens lernen wir, was wie klingt. Und wo es wie klingen soll. Im Rahmen von „sozio-akustischen Ordnungssystemen“ wird zwischen akustischen Praktiken und akustischen Tabus unterschieden (vgl. Schlüter, F.: „Sound Culture“, „Acoustemology“ oder „Klanganthropologie“? Sinnliche Ethographie und Sound Studies. In: Arantes, L.; Rieger, E. (Hg.): Ethnographien der Sinne. Wahrnehmung und Methode in empirisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen. Bielefeld 2014. 69). Diese „akustischen Regime“ werden auch in der Uni sichtbar: auf den Gängen ist niemand laut, niemand rennt, die Geräusche werden zu einem rauschen im Hintergrund – eine betreibsame Hektik, die auch am Freitag Nachmittag ein wenig nach Stress klingt. Dieser Hektik muss man sich anschließen, um erfolgreich studieren zu können.

Das wir die Klänge auch nicht einfach nur hören, sondern auch Deuten lässt sich am Beispiel des Kaffeeautomaten zeigen: Wir haben gelernt, wie ein solcher Automat klingt, wir wissen, wie jeder Arbeitsschritt der Maschine klingt: Das Einwerfen der Münzen, das Mahlen der Kaffeebohnen, das Ausgeben des Bechers,… Einmal eingeprägt, können wir die Geräusche jederzeit abrufen. Dass damit auch mehr in Verbindung gebracht werden kann, zeigen die Deutungen eines Freundes, der die Geräuschschnipsel ohne weitere Kontextualisierung vorgespielt bekam: Es ist nicht irgendein Mahlwerk, sondern ein automatisches.

Dieses automatische Mahlwerk gibt auch entscheidende Hinweiße auf die Zeit, in der die Aufnahmen entstanden sein könnten. Dann sonst fällt es ihm schwer, eine zeitliche Zuordnung zu treffen. Seine Deutungen gehen in die Zeit von 1970, hier meint er denn Stress verorten zu können, der die ganze Geräuschcollage unterlegt. „1970 hätte ich gesagt, weil des meines Wissens ab da voll in Fahrt gekommen ist, mit dem Stress. Auf der Uni zwar noch nicht, aber im Job, weil die Industrialisierung da noch einmal einen ziemlichen Schub gemacht hat bei uns.“ Hier zeigt sich das komplexe Netz an Bedeutungen, das durch Klänge erschlossen wird. Hier wird auch die soziale Bedingtheit der Geräuschkulisse mitgedacht – es handelt sich nicht um einen X-beliebigen Ort sondern die Universität, ein Ort der Gelehrsamkeit, der Ruhe, des Lernens – um 1970 noch unberührt vom Stress?

Interessant ist auch die Deutung des Fahrstuhles, der als eine Art akustische Institution auftritt. Es ist klar, um welchen Lift es sich handelt – andere Fahrstühle klingen anders. (Man könnte hier soweit gehen, den Fahrstühlen durch die Verleihung einer Stimme anthropomorphe Züge zu verleihen. Ein Freund bemerkte einmal, dass dieser Lift hier weiblich ist, während die in der Klinik männlich sind, eine andere Stimme haben.)

Der Umstand, dass der Lift spricht, verweist aber auch auf die Uni als ein öffentliches Gebäude, hier muss für barrierefreien Zugang gesorgt werden, was auch wünschenswert ist. Gleichzeitig sorgt diese Fahrstuhlstimme, im Alltag oft gar nicht mehr wirklich wahrgenommen, auch für Verwirrung. Sie ist prägnant, weißt einen Ort zu, stiftet aber auch Verwirrung: „Was mich verunsichert [in der Zuordnung zu Zeit und Raum der Aufnahme] ist der Fahrstuhl, der ist entweder ganz alt oder eine moderne Spielerei. Kein Fahrstuhl sagt, obs rauf oder runter geht. Klingt wie eine Vorwarnung für Unerfahrene.“

In der Aufnahmesituation zeigte sich auch die Außeralltäglichkeit des bewussten Zuhörens und Hinhörens auf die Geräusche und Soundscapes. Das Aufnahmegerät bedingt nicht nur ein bewusstes Hinhören, sondern auch ein ganz bewusstes Stillsein. Um die Umgebungsgeräusche erfassen zu können, mussten wir, inmitten der Uni, ruhig sein. Zu viert mit einem Gerät zu arbeiten, bedingte auch Absprachen – wer nimmt was auf, mit welchen Zeichen können wir uns verständigen, ohne die Aufnahme zu stören?

Was hört ihr, wenn ihr euch die Schnipsel der Klangcollage anhört? Was lest ihr darin? Und welche Schlüsse kann man daraus vielleicht auch für den Raum der Uni (oder der GeiWi) ziehen?

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