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Gedanken

Blickwechsel am GeiWi-Turm

Ein Text von Barbara und Lizzy

GeiWi, 11. Stock. Ein Blick von oben. November 2015

Auch wenn der Fahrstuhl nur bis in den Zehnten fährt. Es gibt ihn, ganz oben, den elften Stock der Geiwi. Früheres – freilich vor meiner Zeit – wissenschaftliches Zuhause der Innsbrucker Europäischen Ethnologenschaft. Ab und zu verschlägt es uns Ethnologen immer noch, meist für ein Seminar, aber auch um ein Gläschen Sekt oder eine Zigarette in vertrauter Ethnologen-Runde auf der Dachterrasse zu genießen, in den elften Stock. Die Alteingesessenen unter uns schwelgen regelmäßig in nostalgisch anmutenden Erinnerungen. Sie erzählen von der damaligen Raumaufteilung, die heute doch so anders ist, wissen noch genau, wer in welchem Büro saß, wo die ethnologische Fachbibliothek war oder wo früher Wände hochgezogen waren, die jetzt nicht mehr sind. Was sich jedoch, so zumindest meine Vermutung, nicht verändert hat, ist das Gefühl, oben zu sein, sozusagen auf der Geiwi zu thronen. Dies wird auf der Terrasse, die einmal rund um den elften Stock führt, noch verstärkt. Und so durchquere ich den Seminarraum und betrete durch die Glastür die kiesige Dachterrasse. Zunächst nehme ich ein Stadt- und Bergpanorama wahr. Je nachdem, wie lange ich mich hier befinde, donnert ein Flugzeug knapp über meinen Kopf hinweg, das Dröhnen der Autobahn ist immer zu vernehmen und allzu oft wirbelt mir der Föhn meine Haare um den Kopf. Heute ist ein kalter, aber sonniger Novembertag, gestern hat es zum ersten Mal geschneit und die Berge sind weiß eingefärbt. Es ist windstill und ich stehe auf der Terrasse und richte meinen Blick über das Geländer nach unten. Die Menschen dort unten wirken auf mich ganz klein und geschäftig. Wie eine Ameisenkolonie scheinen sie herumzuwuseln, ständig in Bewegung, immer aktiv auf dem Rad- und Fußweg oder auf der Unibrücke. Vereinzelt sitzen kleine Gruppen an Menschen trotz der Kälte auf der Mauer des Inns, die im Sommer nur so von Menschen wimmelt. Hier oben bin ich distanzierte Beobachterin und nehme das Treiben lediglich aus der Ferne wahr. Der Blick fürs Detail, den ich als Ethnologin doch so gerne einnehme, fehlt mir hier. Ich kann nur Vermutungen über das Geschehen in Form von Fragen anstellen, die sich aus meinen Vorerfahrungen speisen. Denn auch ich bin regelmäßig Teilnehmerin des Treibens dort unten.

Zu was werden die Pausen am Inn alles genutzt und welche Bedeutung spielen Pausen in kleinen Gruppen überhaupt für das Student-Sein (wie selbstverständlich nehme ich an, es seien vornehmlich Studierende, die ich dort unten am Inn sitzen sehe und genauso selbstverständlich nehme ich an, dass sie gerade Pause machen)? Und welche Rolle spielt dabei der Pausenort? Man hätte sich auch im Geiwi-Innenhof treffen können. Ist es die andere Rahmung des Ortes, der von Wasser (Inn) und Bergen (Nordkette) geprägt ist und als Kontrast zum Beton des Geiwi-Innenhofes steht? Wie, stellt sich mir die Frage, wird dieser Raum überhaupt erst zu einem so beliebten Pausenort und wer ist alles an dieser Konstruktionsleistung beteiligt? Studierende scheinen mir die präsenteste Gruppe dort unten zu sein, doch gibt es sicherlich noch andere. Mir fallen sofort die Handwerker der städtischen Betreibe ein, die in den letzten Sommerwochen die Innpromenade erneuert haben. Auch sie waren dort unten tägliche Besucher. Interessanterweise eigneten sich viele Menschen auch während der Umbauphase und trotz rot-weißen Absperrwänden die Promenadenmauer an, indem sie einfach über die Absperrungen kletterten, um weiterhin auf der Mauer Platz nehmen zu können. Auch fällt mir von hier oben wieder einmal auf, dass im Zuge dieser Umbauarbeiten die Beete vor der Innmauer fast durchgängig mit Hecken bepflanzt wurden. Ich empfinde diese Hecke als Einschränkung meiner Nutzung der Innmauer. Genau wie viele andere zwänge ich mich immer durch die Hecke, um trotzdem auf die Mauer zu kommen. Den Hecken tut dies sicherlich nicht gut und ich frage mich dabei jedesmal, ob diese absichtlich gepflanzt wurden, um die Nutzung der Innmauer zu unterbinden oder ob die Hecke einfach auf unterschiedliche Raumwahrnehmungen und -konzepte hinweist. Verschönerungsmaßnahme seitens der Stadt, störendes Objekt seitens der Mauersitzer? Wie sehen das diejenigen, die sich gerade dort unten befinden? Gedanken und Fragen ähnlicher Art würden sich noch viele finden lassen, doch ich möchte nicht weiter von hier oben darüber nachdenken. Vielmehr möchte ich jetzt den Aufzug ins Untergeschoss nehmen, den Seitenausgang zum Inn hinaus spazieren und mich selbst auf die Mauer in die November-Sonne setzen und mich in das Treiben dort unten einbringen.

GeiWi, Untergeschoss. Ein Blick von unten. Dezember 2015

Große Fenster geben den Blick frei nach draußen. Seit drei Jahren sehe ich den selben Ausschnitt der Welt. Einen Teil der Innpromenade, dahinter der Fluss, Häuser aus den 70er Jahren – ein Hinweis auf städtische Baupraxen, wie ich aus Seminaren bei Frau Egger weiß, dahinter, schon auf der ersten Anhöhe der Stadtteil Hötting, dann die Berge.

Die Jahreszeiten verändern das Bild – im Herbst, wenn das neue Unijahr beginnt, sind die Blätter bunt, dann fällt Schnee, der Schnee schmilzt wieder, die Leute vor den Fenstern werden mehr, im Sommer ist die ganze Innpromenade voll mit Menschen die sitzen, lachen, lernen.

Es ist ein Blick direkt hinein in den Alltag – eigentlich fast ein Sinnbild für den Blick der Europäischen Ethnologie? Durch das Glas hindurch kann man ungestört beobachten, man nimmt die Details war, die einzelnen Menschen. Aber nicht nur, die Türe, die direkt aus dem Seminarraum hinausführt lädt auch dazu ein hinauszugehen, mitten hinein ins Leben. Selber auf der Promenadenmauer Platz zu nehmen, hier zu lernen, zu diskutieren. Ich erinnere mich an viele anregende Gespräche, die ich schon, mit Freunden, Kaffee und Zigaretten auf der Promenadenmauer oder den Bänken sitzend geführt habe.

Natürlich kennen auch wir neuen Studentinnen und Studenten, die Vorlesungen und Seminare nur mehr im Keller des Gebäudes kennen, die Mythen, die sich um den 11.Stock, das ehemalige Zuhause des Institutes, ranken. Doch auch der Keller der GeiWi ist kein unbeschriebenes Blatt. Eine urbane Legende, unter Studenten erzählt, berichtet von „der letzten bunten Wand“. Beim Bau der GeiWi soll es Proteste gegeben haben – Kritisiert wurde die Ästhetik des Gebäudes. Eine Protestform bestand darin, die Wände am Vorabend der Eröffnung bunt zu bemalen. Heute sind diese Bemalungen natürlich längst wieder mit weißer Farbe überdeckt – es soll aber noch eine Wand geben, die nicht übermalt wurde. Aber nur der Hausmeister weiß, wo…

Diese kleine Anekdote erzählt auch von der Wahrnehmung des GeiWi-Turmes, mit seiner funktionsmäßigen Ästhetik, die wenig Platz für die Studierenden bietet. Das bemerken auch wir als Benutzer*innen des Untergeschosses. Für mich zeigt sich hier deutlich die Spannung zwischen Universität als „Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden“, als Raum zum Lernen und zur Weiterentwicklung und der architektonischen Materialität des Gebäudes als Lernraum, an dem es aber wenig Freiraum für die Menschen, die Lernen wollen gibt.

Ein anderes Mysterium, dass mir immer begegnet, wenn ich den Gang entlang Richtung Seminarraum gehe, sind die beiden Türen, die rechts und links abzweigen. Meist sind sie geschlossen, die Türschilder weisen sie als „Artothek“ aus. Was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, sieht man nur selten, wenn die Türen einen Spalt offen sind und ich einen Blick ins Innere erhasche. Hier türmen sich seltsam geformte Objekte, an den Wänden stehen Schränke, manchmal erwidert auch eine Person meine neugierigen Blicke.

Auch andere Räume befinden sich hier im Kellergeschoss, von denen ich nicht weiß, wozu sie dienen oder wer hier ein und aus geht. Ebenfalls Neugier weckt eine Marmorplatte, die unauffällig in die Wand eingelassen ist. „1975“ ist eingemeißelt, falls die Ziffern je farbig hinterlegt waren, ist die Farbe verblichen. Das Datum erstaunt, wurde doch laut Wikipedia der Neubau am Innrain erst 1981 eröffnet. Aufschlussreicher ist hier vielleicht die Zeittafel der Universität Innsbruck (http://www.uibk.ac.at/universitaet/profil/geschichte/zeittafeln.html). Diese gibt für 1975/1976 die Trennung der Philosophischen Fakultät in eine eigene Geisteswissenschaftliche und eine Naturwissenschaftliche Fakultät an. Ebenso wurden in diesen Jahren die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen sowie die Rechtswissenschaftlichen Fakultäten als Nachfolger der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät gegründet.

Doch von der Geschichte der Universität zurück in den Seminarraum 52U109. Während im Inneren über die Verfremdung des Blickes und über die Verfeinerung des Alltagsblickes gesprochen wird, schweift derselbe ab, durch die Fenster hin zur Innpromenade.

Würde man gerade gerne hinausgehen? Vielleicht auch um bekannte Gesichter dort wiederzusehen?

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Blickwechsel am GeiWi-Turm

  1. Ich rege an, in diesem „Blog“ der VK-Studenten einen gesonderten Meinungsbildungspunkt (Kategorie, Kriterium, oder wie immer man das bezeichnen will) „Volkskundlich-Europäisch-Ethnologischer Diskurs“ einzuführen.

    Verfasst von Norbert Grill, Dr. iur. et cand. phil. | 21/02/2016, 09:48
  2. Ich rege an, die Wortwahl „VK-Studenten“ zu überdenken. Ich fühle mich doppelt nicht angesprochen – einmal als Student*in und einmal als Europäische Ethnolog*in und (meist) nicht Volkskundler*in. 😉

    Verfasst von lizzylangstrumpf | 20/04/2016, 20:11

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